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La gravidanza di Iris, oder: Iris‘ Choice

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Cherubino, der Page in Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro, ist die Rolle, die der 39-jährigen Iris Schiffer an der Met, der Metropolitan Opera, in New York zum großen Durchbruch verhelfen soll. Im Weg steht eigentlich nur ihre Schwangerschaft und die Frage, welcher der beiden Männern, die mal mehr, mal weniger Teil ihres Lebens sind, der Vater des Ungeborenen ist …

Cherubino war das erste Buch, das mich von der Longlist des Deutschen Buchpreises direkt angesprochen hat. Dank der schnellen Reaktion des Verlags (an dieser Stelle ein Dankeschön an Frau Rössler) habe ich mich knapp eine Stunde nach dem Lesen der Leseprobe dem neuesten Werk von Andrea Grill vollständig widmen können.

Die Schwangerschaft

Der erste Akt ist super gewesen, im zweiten Akt habe ich mir so viele Zitate notiert, wie noch bei keinem Buch zuvor (nicht mal bei einem meiner bisherigen Jahreshighlights). Dennoch hat die Spannung abgenommen. Ich hatte das Gefühl, als verrenne sich Grill in Nichtigkeiten, scheinbar ohne Grund. So wundervoll durchdacht und niedergeschrieben die Geschichte ist, war ich mir beim Lesen immer sicher: Alles wird am Ende einen Sinn machen. Die Längen, die ich beim Lesen gespürt habe, werden dadurch jedoch mit Nichten in Vergessenheit geraten.

Cherubino eignet sich wunderbar für eine Besprechung in einem Buchclub/Lesezirkel. Es gibt etliche Stellen im Buch, die liest man und weiß sofort: Hier steckt ein tiefer Sinn dahinter. Nur welcher? Diesem auf den Grund zu gehen, macht in einer Gemeinschaft sicherlich mehr Spaß, als alleine. Ebenfalls für mich noch nicht ersichtlich: Was hat es mit den Zentimeterangaben am Anfang jedes Kapitels auf sich? Am Anfang dachte ich: „Oh, das muss sicherlich die Größe des Embryos sein.“ Mein Freund entgegnete daraufhin: „75cm? In der Schwangerschaft?!“. Erwischt. Ich sollte abends um halb zehn keine Vermutungen mehr anstellen. Meine derzeitige Theorie: Die Angaben stellen den Bauchumfang der Protagonistin Iris Schiffer dar. Mal sehen, wann ich meine Annahme bestätigen oder widerlegen kann.

Die Entscheidung

Wie ausgeklügelt Cherubino ist, merkt man schon am Aufbau. Der Roman ist in vier Akte, nicht Kapitel oder Abschnitte unterteilt. Vier Akte sind es, in denen Mozart Figaros Hochzeit erzählt. Cherubino ist bis in kleinste Detail von der Musikwelt der Protagonistin Iris Schiffer durchzogen. Ich kann wohlgemerkt nur die Dinge beim Namen, die mir, einem Laien, was die Opernwelt angeht, auffallen. Sicherlich gibt es noch weitere Komponenten, die mir schlichtweg entgangen sind. Ich vermute, Andrea Grill möchte mit ihrer Schreibweise verdeutlichen, dass der Schlüssel zu allem in Iris‘ Profession liegt, den Opern.

Neben den allgemeinen Längen, die das Buch zwischendurch hatte, waren es in meinen Augen die Emotionen von Iris Schiffer, denen es Cherubino am Ende fehlte. Mich beschlich der Gedanke, dass Iris als Protagonistin zu passiv, zu brav ist – und das, obwohl sie keine Unschuldige ist, schließlich geht sie mit einem verheirateten Mann ins Bett. Sie nimmt alles, wie es kommt, und legt dabei eine Gleichgültigkeit an den Tag, die ich nicht erwartet hätte.

Nichtsdestotrotz ist Cherubino ein würdiger Kandidat für die Shorlist. Ich drücke der Autorin, dem Verlag und allen Beteiligten für den 17. September die Daumen.

Fazit

Meisterhaft vereint Andrea Grill, was die beiden Stücke Le nozze di Figaro und Sophie’s Choice ausmacht, schafft mit Cherubino einen tiefgründigen Roman, der eine spannende, starke und zugleich zerbrechliche, wenn auch lustlose Protagonistin im Herzen trägt. Es war mir trotz der Längen ein Fest, über 300 Seiten hinweg Iris Schiffers Leben, Lieben und Leiden mitverfolgen zu dürfen. Nur habe ich leider das Gefühl, als sei mein Interesse an Iris‘ Leben und den Entscheidungen, die sie trifft und nicht trifft größer als ihr eigenes …


Zur Sache

TitelCherubino
AutorinAndrea Grill
VerlagPaul Zsolnay Verlag
Erschienen22. Juli 2019
Seiten320
PreisEUR 23,00 (Gebundene Ausgabe)
EUR 16,99 (eBook)

*Rezensionsexemplar*





Transparenz

Bei dem Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar, zur Verfügung gestellt von Hanser/Paul Zsolnay Verlag.

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